11. Bayerisch-Österreichische Dialektologentagung 2010 in Passau: Bairisches im Klassikerwörterbuch

Wir waren freundlicherweise eingeladen, mit einem Vortrag zum »Bairischen im Klassikerwörterbuch« beizutragen. Es folgt eine Zusammenfassung; der vollständige Artikel wird alsbald in dem geplanten Tagungsbericht erscheinen.


 

Passau:
Blick über den Inn auf den Stephansdom

 

 

 

Zunächst ist zu klären, in welchem Verhältnis das Klassikerwörterbuch zu den Dialekten steht. – Zwar waren die aus den unterschiedlichsten deutschen Dialektgebieten stammenden Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts an der Formung eines erst zu entwickelnden deutschen Schriftstandards beteiligt, aber sie waren auch in viel stärkerem Maße ihrem jeweiligen Dialekt verpflichtet als heutige Autoren. Daher ist dialektaler Einfluß bei der Arbeit an den Belegen des Klassikerwörterbuchs immer zu berücksichtigen, und so sind die großlandschaftlichen Dialektwörterbücher wichtige Hilfsmittel für die Arbeit am Klassikerwortschatz.


Nun ist aber gerade das Bairische (und besonders Bayern) im Korpus des Klassikerwörterbuchs unterrepräsentiert, gemessen an der Größe des Gebiets, der Anzahl der Sprecher und Autoren und gemessen am politischen Gewicht. Neben dem „Nachsommer“ von Adalbert Stifter enthält das Korpus nur noch etwa 100 Einzelgedichte von Autoren aus dem Bairischen wie August von Platen, Nikolaus Lenau, Johann Peter Zu, Anastasius Grün (Anton Alexander Graf von Auersperg), Franz Grillparzer, Ferdinand Raimund u. a. Neben zwei vollständig in bairischem (österreichischem) Dialekt gehaltenen Märchen in den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm ist es ausgerechnet der Schlesier Karl von Holtei, der in dem Lied „Die Wienerin in Berlin“ aus dem gleichnamigen Singspiel (1824) Bairisches anklingen läßt: „Und a Busserl […] Heißt dort Kuß.“ Daraufhin wird der Wienerin mehrmals ein „B'hüt' di Goht“ gewünscht, was der für Norddeutsche so undurchsichtigen Gruß- und Segensformel „Pfüeti(god)“ („Behüte dich Gott“) entspricht.

Da unser digitales Korpus nur Auszeichnungen zur Struktur enthält, wurden für das Folgende ohne Anspruch auf Vollständigkeit anhand gewisser Listen nach „bairischem“ Wortgut gesucht. Z. B. enthält „Busserl“ die für das Bairische so typische Diminutivendung „-erl“. Diese wird von verschiedenen Dichtern eingesetzt, um bayerisches Lokalkolorit anzudeuten (Heine, Keller, Hebbel, Raimund). Der Berliner Fontane läßt sogar eine seiner Figuren im „Stechlin“ (1897) einen damals auch im Norden Deutschlands bekannten und populären Austriazismus, ein ausgewandertes Modewort, verwenden: den „Gigerl“, eigentlich ‘Hahn’, womit jemand bezeichnet wurde, der bedingungslos allen neuen Modetrends hinterherläuft, um damit zu prunken.

Und bei der Fahndung nach typisch bairischen Bezeichnungen für Eßwaren mußten wir feststellen, daß unsere Klassiker eher vitaminarm speisen lassen: Nur in „Des Knaben Wunderhorn“ werden „Fisolen“ (= ‚Grüne Bohnen‘) und „Weichseln“ (= ‚(Sauer-)Kirschen‘) genannt; und der einzige Beleg für „Erdapfel“ (= ‚Kartoffel‘), eine Bezeichnung, die auch mitteldeutsch weit verbreitet ist, stammt aus Goethes „Wilhelm Meister“ (1795/96).

Die Suche nach den in der Dialektforschung anerkannten „bairischen Kennwörtern“ brachte uns auf den „Rauchfang“ für ‚Schornstein, Kamin‘, der auf der Passauer Tagung in mehreren Beiträgen Beachtung fand. Tatsächlich ist das Wort zweimal, jeweils in der Erzählung „Der Nachsommer“ (1857) des Österreichers Adalbert Stifter, belegt. Die neun übrigen Belege stammen jedoch von Goethe, E. T. A. Hoffmann, Mörike, Droste-Hülshoff, Heine, Raabe und Fontane. Nur einer von ihnen ist Oberdeutscher, aber gerade bei Mörike bezeichnet „Rauchfang“ wahrscheinlich nicht den Schornstein, sondern den „häufig zum Räuchern benutzten, trichterförmig sich nach oben verjüngenden Teil über dem offenen Herdfeuer, der den Rauch auffängt und zum Schornstein ableitet“ (Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache), die im ganzen deutschen Sprachraum übliche Verwendung. Damit zeigt der historische Befund eine deutliche Differenz zu dem, was bisher als gesichertes Wissen über die typischen Ausdrucksweisen in verschiedenen Dialektgebieten galt. Hier wäre eine weitergehende Untersuchung der Konkurrenzwörter („Schornstein“, „Esse“, „Kamin“ usw.), also der Onomasiologie zu „Rauchfang“, notwendig, um ein klareres Bild zu erhalten.

Zum Abschluß des Vortrags durfte natürlich ein „Schmankerl“ nicht fehlen (auch wenn das Wort im Klassikerkorpus leider nicht vorkommt). Ein Zitat von Ludwig Uhland aus dem Gedicht „Roland Schildträger“ (1811), klischeebeladen, aber passend zum Vortragstitel, und vielleicht prophetisch für den Abend nach den Tagungsvorträgen:

Wohl schwitz ich von dem schweren Druck;
Hei! bairisch Bier, ein guter Schluck,
Sollt mir gar köstlich munden!


Tatsächlich klang der Abend mit dem Höhepunkt der Konzertsaison Passaus aus, der Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart (KV 317), im Passauer Stephansdom, auf einer der größten Orgeln der Welt.

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